Vertrauenskrise der (Klima-)Wissenschaft – oder des Klimajournalismus? Eine Replik

In einem aktuellen Artikel interpretiert Hanno Charisius von der Süddeutschen Zeitung die Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers 2016 als ein „Alarmsignal für die aufgeklärte Gesellschaft“ angesichts eines starken Misstrauens gegenüber der Wissenschaft, insbesondere der Klimawissenschaft. Ein genauerer Blick auf die Originaldaten offenbart allerdings, dass diese Schlussfolgerungen kaum gerechtfertigt sind. Zudem zeigen Daten unserer eigenen aktuellen Befragung zum Thema Klimapolitik, dass die Klimawissenschaftler im Gegensatz zu Politikern und Journalisten noch auf ein stabiles Vertrauen seitens der Bevölkerung bauen dürfen.

Zunächst zum aktuellen Wissenschaftsbarometer. Zwar gibt es bei der Interpretation von Befragungsergebnissen immer einen gewissen Spielraum. Aber die von der SZ groß aufgemachte Aussage „48 Prozent der Menschen misstrauen wissenschaftlichen Aussagen zum Klimawandel“ lässt sich aus den Daten der zugrunde liegenden Studie nicht korrekt ableiten. Das Vertrauen wurde in einer Fünferskala abgefragt: von „vertraue voll und ganz“, über „vertraue“, „unentschieden“, „misstraue eher“ bis „misstraue sehr“. Wenn man die beiden äußeren Werte jeweils zusammenfasst, sind es nur 28 Prozent, die eher oder sehr den Aussagen von Wissenschaftlern zum Klimawandel misstrauen, ganze 40 Prozent hingegen vertrauen ihren Aussagen oder vertrauen ihnen sogar voll und ganz. Lediglich wenn man die 31 Prozent Unentschiedenen zu den Misstrauischen rechnet, kommt man auf einen höheren Anteil Skeptiker (allerdings auch nicht auf 48 Prozent, sondern auf 59). Es gibt aber keinen Grund die Unentschiedenen einer Seite zuzuschlagen. Wir wissen einfach nicht, was diese Gruppe genau denkt. Außerdem landen hier immer viele Antworten, da es bei Befragungen mit einer solchen Skala auch eine psychologisch erklärbare Tendenz zur Mitte gibt.

Andere Befragungen stützen gerade den umgekehrten Befund, dass die Wissenschaft von schwindendem Vertrauen im Gegensatz zu anderen Institutionen wie Politik und Journalismus weniger betroffen ist. Dafür sprechen auch aktuelle eigenen Daten, die wir im Rahmen unserer Befragungsstudie „Down to Earth“ erhoben haben. Dort wurden sehr ähnliche Aspekte abgefragt – auch mit einer Fünferskala, bei einer vergleichbar großen Stichprobe (1121 Befragte in der dritten Welle im Januar 2016, verglichen mit 1006 Befragten in der WiD-Studie aus dem Mai 2016), die ebenfalls repräsentativ quotiert wurde. Eine Veröffentlichung unserer Daten ist aktuell noch in Arbeit, aber für diesen Vergleich wollen wir bereits einen Einblick bieten.

In unserer Umfrage zeigt sich folgendes Bild: Dem Statement „Beim Thema Klimapolitik vertraue ich auf die Richtigkeit von Informationen von Klimawissenschaftlern“ stimmen 60 Prozent zu (38% „stimme eher zu“, 22% „stimme voll und ganz zu“). Nur 12 Prozent der Befragten misstrauen der Klimawissenschaft (7% „stimme eher nicht zu“, 5% „stimme überhaupt nicht zu“), 28% sind unentschlossen („teils, teils“). Die Zahlen sind also aus Sicht der Wissenschaft deutlich besser.

Unsere Studie ergänzt die Befunde der anderen Befragung um einen weiteren Aspekt, der auch die Wissenschaftsjournalisten interessieren dürfte: Anders als das Wissenschaftsbarometer haben wir nämlich auch das Vertrauen in Politiker und Medien erhoben, und im direkten Vergleich schneidet die Wissenschaft in unserer Studie sogar sehr gut ab. Beim Thema Klimapolitik vertrauen der Wissenschaft wie bereits erläutert ganze 60 Prozent der Befragten, den Medien vertrauen hingegen nur 28 Prozent und den Politikern sogar nur 21 Prozent.

Unsere "Vertrauens-Fragen" aus der dritten Befragungswelle
Unsere “Vertrauens-Fragen” aus der dritten Befragungswelle

So gesehen zeigt sich also eher eine Vertrauenskrise von Medien und Politik, während die Wissenschaft sogar noch zu den vertrauenswürdigeren Institutionen gehört. Wir geben also den Weckruf gerne zurück an die Süddeutsche Zeitung.

Dem Fazit, das SZ-Autor Hanno Charisius zieht, können wir trotzdem zustimmen: „Wer nicht will, dass die Öffentlichkeit das Vertrauen verliert in das, was in Labors und Denkstuben erschaffen und entdeckt wird, muss seine Türen öffnen und über seine Arbeit reden, muss gegen falsche Fakten und Betrug angehen, sich einmischen in laufende Debatten, darf sich nicht mehr verstecken.“ Genau das ist unsere Absicht mit diesem Blogpost.

Fenja De Silva-Schmidt & Michael Brüggemann